Werner Ferreira
Capgemini Engineering

Zeitenwende der Auto-Branche eröffnet Engineering-Dienstleistern spannende Chancen

Werner Ferreira Chief Executive Officer für Deutschland, Österreich und die Tschechische Republik, Capgemini Engineering

Die Automobilindustrie managt verschiedene Epochen- und Technologieumbrüche binnen weniger Jahre. Längst ist klar, dass die Ära des Verbrenners in Europa ihrem Ende entgegengeht. Auf hiesigen Straßen wird die Dominanz der Verbrennungsmotoren stetig reduziert, elektrische Antriebe gewinnen an Präsenz und massiv an Unterstützung. Parallel dazu wird permanente Konnektivität zum Standard – ob neue Infotainment-Features oder autonome Fahrzeugfunktionen: Die Tür zur Mobilität von morgen ist aufgestoßen.

Die Industrie steht vor einer Dekade dramatischer Veränderungen. Technologieoffenheit – etwa beim Antrieb – ist ein vielgepredigtes Motto der Stunde. Aufgrund verkürzter Innovationszyklen und rasanter Marktdynamik sind neue Lösungen jedoch nur noch mit Unterstützung schlagfertiger und agiler Partner in enger Abstimmung machbar. Ob Batterie, E-Fuel oder Brennstoffzelle: Hersteller müssen ihre Handlungsfähigkeit sicherstellen, sind gefordert, Optionen kosteneffizient offenzuhalten. Hersteller haben ferner längst erkannt, dass die Software zur zentralen Kernkompetenz der Industrie werden muss. Rechenkapazität und digitale Features definieren Fahrzeuge und verdrängen in ihrer Bedeutung andere Ausstattungsmerkmale. Die Software wird als direkte Schnittstelle zum Verbraucher von zentralem Interesse sein: Eine Erkenntnis, zu der auch andere prominente Wettbewerber gekommen sind – etwa die großen Techgiganten der USA, neue Mobilitätsplayer aus der Volksrepublik China oder auch diverse Start-ups, welche Automobile – oder gleich die gesamte Mobilität – gänzlich neu erfinden wollen. Es sind die digitalen Erfindungen und Lösungen, welche die großen Innovationen von morgen prägen werden. Diese neuen Services und Lösungen ermöglichen die Erschließung zusätzlicher Umsatzerlöse über den gesamten Lebenszyklus von Fahrzeugen hinweg. Die digitale Herausforderung ist aber gerade für Newcomer in diesem Bereich wie Autobauer immens. Nicht mehr Interieur und PS-Zahl sind alleiniger Maßstab, die digitale Integration, die Leistungsfähigkeit der Software und das User-Erlebnis treten in den Vordergrund.
Es sind die digitalen Erfindungen und Lösungen, welche die großen Innovationen von morgen prägen werden.

Autobauer, wählt eure Schlachten
Die Vielzahl an unterschiedlichen technologischen Herausforderungen und Chancen verlangt von den etablierten Autobauern, die eigene Rolle im Ökosystem neu zu definieren. Gerade hiesige Wettbewerber haben die Zeichen der Zeit erkannt, verteidigen ihre Führerschaft und streben die Hoheit über Fahrzeug und Domänenarchitektur wie auch Edge-, Cloud- und Mobile-Aspekte der vernetzten Mobilität an.

Um die eigene Rolle in der Mobilitätswelt von morgen zu sichern, müssen sie die Daten- und Umsatzströme der Zukunft gegen neue Wettbewerber absichern. Mit eigenen Betriebssystemen kämpfen die Autobauer darum, ihre Poleposition auch über die nächsten Dekaden beizubehalten. Für die europäischen Industriegrößen stellt dies jedoch einen gewaltigen Kraftakt dar. Schon bei der Umstellung der Antriebe hin zu emissionsfreien Lösungen ist eine rasante Aufholjagd gelungen: Es galt, technologische Lücken zu schließen und zu führenden Anbietern aufzuschließen.

Die Herausforderungen reißen nun aber keineswegs ab, werden sich gar noch intensivieren. Gerade im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung stehen die OEM vor der Herausforderung, Kompetenzen in immensem Umfang aufzubauen. Klar ist dabei auch, dass viele der technologischen Trends mit den eigentlichen Kernkompetenzen der Hersteller keine Überschneidungen mehr haben. Diese massiven Zäsuren innerhalb der Industrie bergen gerade für Engineeringdienstleister spannende Zukunftsaussichten, als enger Partner der Industrie dabei zu helfen, Visionen mit Leben zu füllen.

ZEITENWENDE DER AUTO-BRANCHE ERÖFFNET ENGINEERING-DIENSTLEISTERN SPANNENDE CHANCEN
ZEITENWENDE DER AUTO-BRANCHE ERÖFFNET ENGINEERING-DIENSTLEISTERN SPANNENDE CHANCEN

Engineeringpartner in die Wertschöpfungskette integrieren
Allen Umbrüchen zum Trotz gilt: Der klassische Autobau ist nicht tot. Vielmehr wird die starke Fokussierung der Hersteller auf digitale Kompetenzen dazu führen, dass bestimmte Aufgabenbereiche und Forschungsarbeiten noch stärker in enger Zusammenarbeit mit Partnern erledigt werden müssen. Natürlich sind auch in den kommenden Jahren klassische Disziplinen etwa im Bereich der Material-, Konstruktions- und Fertigungsinnovationen weiterhin gefragt. Hier werden optimale Liefermodelle zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor.

Während ausgereifte Software auf dem Pfad hin zum autonomen Fahrzeug immer stärker zum Differenziator wird, geraten andere Ausstattungsdetails aus dem Blickfeld. Es scheint nicht ausgeschlossen, dass bestimmte Feinheiten nicht mehr individuell vom Kunden konfiguriert werden können. Kosteneffizienz bei gleichbleibend hoher Fertigungsqualität wird Autobauer in den kommenden Jahren im Bann halten.

Auch die Herausforderungen im Bereich der Software sowie bei der Elektrifizierung erfordern Skalierung und Wirtschaftlichkeit, aber darüber hinaus technologischen Pioniergeist: Mut zur Umsetzung wie auch technologisches Geschick. Für ein Gelingen der Transformation sind daher mehr denn je starke Dienstleister gefordert, die sicherstellen, dass der interdisziplinäre Spagat auch gelingt.

Dienstleister wie Capgemini Engineering sind prädestiniert, als enger Partner die Konvergenzthemen der Branche in enger Kooperation mit Herstellern und Suppliern voranzutreiben. Im Rahmen der Capgemini Gruppe beherrschen wir sowohl die strategische Beratung, umfassende IT-Kompetenz, aber auch die konkrete Produktentwicklung und Umsetzung in enger Kooperation mit dem Ökosystem unserer Kunden. Unsere Experten bringen ein tiefes Fachwissen sowie industrieübergreifende Anwendungskompetenz in Zukunftsfeldern wie der Softwareentwicklung, dem Design von Halbleitern oder auch bei der Cybersicherheit mit. So lenkt auch die aktuelle Chipkrise den Blick auf akute Fragestellungen: Wollen OEM dauerhafte Abhängigkeiten zu den Granden der Chipindustrie zulassen? Ermöglichen sie diesen, den Wertschöpfungsanteil bei Middleware und Fahrautomatisierung weiter zu steigern?

Viele Hersteller haben in den letzten Monaten einen strategischen Schwenk gewagt und sind im Begriff, eigenes Know-how im Bereich der kritischen Hardware aufzubauen. Interdisziplinäre Dienstleister, die im Bereich Halbleiter- und Hardwaredesign oder Open-Source-Systemen über Expertise verfügen, können bald bereits deutlich tiefer als zuvor in die Wertschöpfung der Autobauer integriert werden. Hand in Hand werden wettbewerbsentscheidende Disziplinen abgesichert und Abhängigkeiten zu Dritten reduziert. Es gilt für Hersteller, zeitnah Kompetenzen in Bereichen wie der Batterie- und Zelltechnik, der Softwareentwicklung oder auch im Chipdesign auszubauen und zu optimieren. Diese Transformation muss mit hoher Akribie geschehen und stellt eine Grundlage für intensivierte Kooperationen mit externen Dienstleistern dar. Es ist unzweifelhaft, dass sich ohne die Kompetenzen der Engineeringpartner die nachhaltige und vernetzte Mobilität von morgen nicht rasch und wirtschaftlich umsetzen lässt.

Externe Innovationen bleiben entscheidende Erfolgsfaktoren, um mit neuen Ideen beim Verbraucher zu punkten und Standards zu setzen. Doch darüber hinaus ermöglicht eine engere Zusammenarbeit es auch, den Nutzeransprüchen in puncto Veränderungsgeschwindigkeit gerecht zu werden: Gilt es doch mehr denn je, neue Lösungen schneller in den Markt zu bringen und Time2Market-Zyklen dauerhaft zu reduzieren.

Nachhaltigkeitstrend birgt Wachstumschancen
Neben der digitalen Transformation und der technologischen Ausreifung neuer Antriebe gewinnt auch auf anderen Ebenen der Komplex ESG massiv an Bedeutung. Ökologisch strenge Rahmenbedingungen sind gerade für Europas Autobauer kein Neuland, agiert man doch schon seit Jahren im Rahmen recht strenger Emissionsvorgaben der Europäischen Union. Doch Vorgaben im Bereich ESG gewinnen längst im größeren Stil an Bedeutung. Nicht mehr allein die Flottenpolitik steht im Fokus. Regulatoren, Finanzinvestoren, aber auch Verbraucher definieren ökologische, soziale wie auch Governance-Vorgaben viel breiter als bisher.

Hersteller wie auch Supplier sind gefordert, dieser Verantwortung proaktiv zu begegnen. Diese endet nicht am eigenen Werkstor, vielmehr müssen große Player ihre gesamte Lieferkette und Wertschöpfung genauestens im Blick behalten und en détail scoren – sei es die CO2-Bilanz oder auch die Arbeitsbedingungen von Rohstofflieferanten in Emerging Markets. Steht doch gerade die Rohstoffbeschaffung sogenannter seltener Erden für die Batterie- und Chipfertigung immer wieder in der Kritik.

Für Engineeringdienstleister eröffnet sich die Chance, anhand vorhandener Datensätze und mithilfe neuer Technologien wie etwa der Blockchain diese in Zukunft verstärkt gebotene Transparenz sicherzustellen. Die ESG-Vorgaben korrekt abzubilden und sicher zu übermitteln, wird in Zukunft massiv an Bedeutung gewinnen und als Dienstleistung interessanter denn je.

Wie kaum eine andere Industrie steht die Autobranche unter Beobachtung, Ansprüchen in puncto Nachhaltigkeit gerecht zu werden. Dabei bringt gerade der Wandel hin zur Elektromobilität einige weitere Herausforderungen mit sich. Neben der Lieferkettenproblematik stehen die Hersteller vor der immensen Aufgabe, die Kreislaufwirtschaft und damit das Batterierecycling weiter zu forcieren. Eine Disziplin, bei der die Hersteller tiefergehendes Know-how erlangen sollten, weshalb Engineeringdienstleister an dieser Stelle wichtige Arbeitsschritte abbilden können. Dies gemeinsam mit den großen Playern der Industrie zu organisieren, wird für Dienstleister zu einer elementaren Aufgabe.

Binnen kürzester Zeit ist es gelungen, bei emissionsfreien Antrieben konkurrenzfähig zu werden. Auch in puncto Software und digitaler Services ist man bereit, den Kampf mit anderen Techriesen aufzunehmen.
ZEITENWENDE DER AUTO-BRANCHE ERÖFFNET ENGINEERING-DIENSTLEISTERN SPANNENDE CHANCEN

Ausblick und Fazit
Wie niemals zuvor erleben Europas Autobauer mehrere Epochenumbrüche parallel. Deutschlands Hersteller halten gute Karten, um bei den anstehenden tektonischen Verschiebungen zu den Gewinnern zu gehören. Binnen kürzester Zeit ist es gelungen, bei emissionsfreien Antrieben konkurrenzfähig zu werden. Auch in puncto Software und digitaler Services ist man bereit, den Kampf mit anderen Techriesen aufzunehmen. Um dabei jedoch wirtschaftlich, ökologisch und technologisch konkurrenzfähig agieren zu können, sind Partnerschaften mit Unternehmen aus angrenzenden Branchen essenziell.

Gerade bei neuen Mobilitäts- und Sharinglösungen könnte auch in Zukunft noch weiteres Disruptionspotenzial im Markt vorhanden sein. Insbesondere Engineeringexperten sind prädestiniert, im neuen Ökosystem Konvergenzthemen erfolgreich voranzutreiben und kreative Lösungen an den Verbraucher zu bringen.

Die Herausforderungen von morgen werden nur mit leistungsfähigen Partnern zu bewältigen sein. Unsere internationalen Teams sind prädestiniert, die fortschreitende Globalisierung von Märkten, Entwicklungs- und Lieferketten zu antizipieren und zu unterstützen. Capgemini bündelt die Ideen und Kompetenzen von Mitarbeitenden aus der ganzen Welt. Es ist unser Anspruch, diese kulturelle Diversität auch in eine Vielfalt der Ideen und neuen Lösungen zu übertragen. Unsere Diversität ist ein Treibstoff unserer Innovationskompetenz.

Dr. Wolfgang Eckelt, High Performance | Top Company Guide